Mama-Coaches im Interview: Jesta Phoenix

„Work-Life-Balance? Ich bin doch nicht tot während ich arbeite, auch wenn es sich für viele so anfühlt, als ob sie ihr Leben an der Garderobe abgeben müssen und erst nach Feierabend wieder abholen.  Ich bin immer am Leben.  Und daher zählt nicht nur Was ich tue, sondern auch das Wie ich es tue.“ Dies ist einer meiner Lieblingsstatements von Jesta Phoenix im heutigen Interview meiner Serie Mama-Coaches. Jestas Lebenseinstellung ist beeindruckend und ich bin total begeistert von ihren lebendigen und motivierenden Antworten. Wer mehr über Jesta wissen will, sollte unbedingt weiterlesen!

Seit wann unterstützt du Mamas mit deinen Coachings/Angeboten und wie bist du dazu gekommen?

Ich begleite arbeitende Eltern seit 2006, auch wenn ich als Slow Business Coach erst seit September 2014 unterwegs bin. Davor habe 8 Jahre lang als Dozentin für die Open University (OU) gearbeitet, der größten Fernuni weltweit.  90% meiner Studierenden waren berufstätig und/oder Eltern. Da die OU eine sehr inklusive Uni ist, hat meine Arbeit immer auch die Begleitung der Lernprozesse beinhaltet und ich habe schnell verstanden, dass das Wie des Arbeitens, das was manche Zeitmanagement nennen, oft eine größere Herausforderung darstellte als das Was, der Inhalt der Arbeit.

Als Business Coach habe ich dann eigentlich das geschaffen, was ich selbst gesucht habe – eine Begleitung als Coach, die bei mir, meinen Werten, meinen Möglichkeiten und Präferenzen ansetzt, bei meinen Visionen, Fähigkeiten und meinem Leben als Einheit. Ich wollte ein Business Coaching anbieten, das nicht auf höher, schneller, heftiger und „mehrmehrmehr“ abzielt, sondern mit einer eigenen Definition von erfolgreich und glücklich beginnt.

Work-Life-Balance? Ich bin doch nicht tot während ich arbeite, auch wenn es sich für viele so anfühlt. Als ob sie ihr Leben an der Garderobe abgeben müssen und erst nach Feierabend wieder abholen. Ich bin immer am Leben. Und daher zählt nicht nur Was ich tue, sondern auch das Wie ich es tue. Und ich glaube ans glückliche Arbeiten. Ich glaube nicht, dass es ein Luxus ist, sondern die Grundvoraussetzung dafür, dass wir irgendetwas von Wert schaffen.

Von meiner Erstausbildung her bin ich Autorin. Als freie Künstlerin habe ich mir zur Finanzierung meiner Projekte ein großes Portfolio von (Zusatz-) Joberfahrungen in der freien Wirtschaft zusammengestellt: angefangen von persönlicher Assistenz, über Werbetexterin, bis hin zur Projektmanagerin. Das Unterrichten war immer schon meine zweite große Leidenschaft neben der Kreativität. Rein rechnerisch ist dies auch meine Hauptarbeitserfahrung – als freie und vor allem Uni-Dozentin.

Während meiner zweiten Elternzeit habe ich ein Aufbaustudium als Personal & Business Coach absolviert und mich nach der Elternzeit ganz selbstständig gemacht. So entstand aus meinen drei Erfahrungsstandbeinen Kreativität, Wirtschaft und Erwachsenenbildung sowie meinen drei Motivationsbausteinen glückliches Arbeiten, individuelles Zeitmanagement und neue Wirtschaftsformen meine Arbeit als Slow Business Coach mit dem Fokus intuitives Zeitmanagement für pragmatische Visionäre… arbeitende Eltern, Solopreneure, Unternehmen, die auf Augenhöhe führen möchten. 80-90% meiner Coaching Klienten sind Vollzeit arbeitende Eltern – pragmatische Visionäre eben…!

Was macht dein Angebot so einzigartig?

Als Business Coach konzentriere ich mich zum einen auf das Wie des Arbeitens – das Selbstmanagement & Zeitmanagement.  Zeitmanagement ist ja nicht nur das Zerstückeln von Projekten in Aufgaben mit anschließendem Verschmieren auf dem Kalender… Es ist vor allem die Selbstkenntnis und die Kenntnis unserer Aufgaben und was es dafür braucht. Fast alle die zu mir kommen, glauben, dass sie einfach zu undiszipliniert sind für Zeitmanagement, oder das was sie glauben, was Zeitmanagement ist: ein guter, fester Plan, der dann einfach nur abgearbeitet wird mit Fokus und Selbstbeherrschung.

Ich glaube, dass Disziplin nichts mit all dem zu tun hat.  Ich glaube nicht an Disziplin. Ich glaube an Motivation.  An Commitment. Mein körperlich und emotional schwerster Job ist das Muttersein. Aber nachts um 2 Uhr ein Magen-Darm-Virus erkranktes Kind zu versorgen – dafür brauche ich keine Disziplin. Das tue ich einfach mit Selbstverständnis. Weil ich mich dafür entschieden habe. Für das Gesamtpaket. Warum sollte es für meine Arbeit anders sein?  Klar, nicht alles ist immer toll, einfach und spannend. Aber es ist das, was ich tun möchte und dafür muss ich mich auch nicht ständig neu aufraffen…

Für die meisten KlientInnen ist diese Erkenntnis sehr befreiend und darauf baue ich. Ich ziehe als Slow Business Coach nicht unbedingt die Bremse. So wie Slow Food das Gegenstück zu Fast Food ist, wo es vor allem auf Qualität statt Quantität ankommt, so ist auch meine Arbeit eher auf den Wert, als auf das (unhinterfragte) Wachstum gelegt.

Mein Angebot wird als Burn-out Prävention und als Nach-Burn-out Wiedereinstieg genutzt. Es wird gebucht als Elternzeitvorbereitung und Nachbereitung.  Es sind vor allem auch Selbstständige im 3.-5. Jahr der Gründung, die es am Anfang in Kauf genommen haben übermäßig viel und schnell zu arbeiten und nun erkennen, dass sie bei diesem Tempo dabei sind, sich gegen eine Wand zu fahren, aber Angst haben, dass ein langsamer Werden ihnen finanzielle Einbußen bringt…

Ich begleite Menschen darin, ihre Arbeit und vor allem auch ihre Arbeitsweise mit ihren Werten und Möglichkeiten in Einklang zu bringen, so dass sie mit Sinn und Vergnügen arbeiten.

Das andere, was mich etwas aussondert als Business Coach, ist mein Walk & Talk Coaching im Wald am Müggelsee in Berlin für Menschen, die wie ich, nicht gut stillsitzen können und beim Laufen einfach besser und lateraler Denken können.

Wie läuft ein Coaching/eine Beratung bei dir ab?

Der Ablauf selbst ist sehr klassisch. Die Coaching-Interessierten kontaktieren mich und wir vereinbaren ein telefonisches Erstgespräch, wo wir sowohl das zu besprechende Thema als auch die gemeinsame Strategie besprechen. Das dauert ca. 20 min.

Meine Kundinnen können bei mir zwischen drei Arten der Zusammenarbeit wählen.

1.) Telefon Coaching – hier rufe ich meine KlientInnen innerhalb Deutschlands an. Eine Coaching Session dauert immer 90 Minuten. Diese Art ist örtlich natürlich sehr flexibel, alles was meine KlientInnen brauchen ist etwas Ruhe. Es ist eine sehr intensive und konzentrierte Art der Coaching Arbeit. Auch wenn das meiste über ein Gespräch läuft, so bringe ich auch hier immer wieder verschiedene Übungen ein, die während des Coachings mit mir zusammen gemacht werden.

2.) Walk & Talk Coaching – Allen, die in Berlin oder Umgebung leben, empfehle ich das Walk & Talk Coaching. Hier laufen wir im Wald am Müggelsee entlang und reden, machen Coaching Übungen in der Natur, eine Tee Pause im Wurzelhäuschen… Der freie Himmel über uns, der weite Blick über den See, das Rauschen der Bäume um uns herum, die regelmäßige Bewegung des Laufens erschafft ideale Bedingungen, um auf alles von außen zu schauen und Antworten und Ideen zu finden, und diese auch mal neu zusammen zu setzen. Diese Session dauert 3 Stunden.

3.) Walk & Call Coaching – Das hat eine Klientin von mir erfunden, als sie mal keine Lust hatte, im Büro zu bleiben während unseres Coaching Telefonats und mich aus dem Park anrief. Ich schlüpfte ebenfalls in feste Schuhe und Jacke und wir liefen beide durch die Natur, wenn auch nicht nebeneinander, und redeten. Seither ist sie nicht die Einzige, die sich diese Art des ortsunabhängigen Coachings an frischer Luft gönnt. Diese Coaching Session dauert 90 Minuten.

Mit den meisten meiner KlientInnen arbeite ich 2-3 mal, immer mindestens 2 Wochen, idealerweise 4 Wochen versetzt.  Bei manchen braucht es auch nur ein Walk & Talk Coaching im Wald, um wieder einen Überblick zu erhalten und zu wissen, was zu tun ist. Manche Klienten haben auch so etwas wie ein Abo und nutzen das Coaching mit mir als regelmäßige Burn-out Vorsorge.  Mit ihnen treffe ich mich regelmäßig 1 oder 2 mal pro Jahr und wir machen ein großes Check-in, was das Zeitmanagement betrifft.

Welcher Mama-Typ findet am ehesten zu dir bzw. mit welchen Herausforderungen haben deine Kundinnen am häufigsten zu kämpfen?

Ich beschreibe meine KlientInnen gern als pragmatische Visionäre – sie wollen und können ganz viel. Sie schaffen auch viel und sie haben große Anforderungen an sich selbst. Sie können auch lange Stressphasen gut durchstehen und sind es nicht gewohnt, müde und erschöpft zu sein und daher auch nicht gewohnt gut für sich zu sorgen.  Das, was sie machen gibt ihnen so viel zurück! Und trotzdem sind auch sie nur Menschen, die irgendwann von ihren Grenzen eingeholt werden. Oder einfach entscheiden, dass sie ihren Kindern eine andere Art des Arbeitens vorleben möchten. Oder aber auch merken, dass sie gar nicht mehr dazu kommen ihre Kinder zu genießen, obwohl sie ihnen doch das Wichtigste auf der Welt sind. Gerade bei diesem Typ ist es mit 1-2 Yoga pro Woche als Ausgleich nicht getan. Auch Runterfahren und weniger machen, ist ein wichtiger Ratschlag.

Es braucht einfach ein überholtes und vor allem eigenes Zeitmanagement-System, das die eigene Art des Arbeitens, den Biorhythmus, den Faktor X, und zum Beispiel auch die Art des Denkens für die Arbeit mit einschließt – ist es eher lineares und analytisches Denken oder eher laterales und kreatives Denken. Oder beides.  Wann ist für welche Art des Denkens die beste Zeit, der beste Ort, die beste kollegiale Begleitung…Für die meisten ist es eine Bestätigung, dass so wie sie es machen ihrer optimalen Art des Arbeitens schon sehr nahe kommt. Die Frage ist eben nicht, wie man es macht, sondern wie du es machst. Oft gibt es auch noch eine Art Ausmisten von Glaubenssätzen und Arbeitsweisen, die wir noch mit uns herumschleppen und deren Verfallsdatum eigentlich schon längst abgelaufen ist….

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich bin selbstständig in Vollzeit und trage zu 50% unseres Familieneinkommens bei. Ich habe zwei Kinder im Alter von 2 und 5 Jahren. Beide gehen in die Kita seit sie ein Jahr alt sind – jeden Tag von 8 – 16 Uhr. Meine Frau und ich teilen uns nicht nur die finanzielle Verantwortung, sondern auch die Betreuung der Kinder.  Im Alltag sieht das so aus, dass immer eine von uns die Kinder von der Kita abholt und die andere an dem Tag lange arbeitet.  Jede hat jeweils zwei lange Arbeitstage, manchmal bis 22 Uhr. Da ich von zu Hause arbeite, gehe ich dann ab 16 Uhr in die Bibliothek oder lege meine Termine außerhalb in diese Zeit. Meine Frau hat ein Büro an der Uni. Freitags holen wir beide jeweils ein Kind früher ab und unternehmen etwas besonders in einer speziellen Mama-Kind-Zeit. Schwimmbad, Picknick am See, Kino, Schlittschuhlaufen, Kuchen backen, Museum…  Da haben unsere Kinder mal jeweils eine von uns ganz für sich allein. Wir lieben diese Zeiten. Am Wochenende machen wir sehr oft Ausflüge.

Mein eigenes Zeitmanagement ist sehr intuitiv und geprägt von regelmäßigem Planen, aus dem Bauch heraus arbeiten, Plan überarbeiten und vor allem mit viel Vergnügen arbeiten.  Was mir auch sehr hilft, ist alles als ein großes Experiment zu verstehen – ich muss nichts perfekt können, ich probiere aus und passe es dann entsprechend an, und probiere dann weiter… Es gibt darin kein Ankommen in der Perfektion, sondern ein ewiges Abenteuer des Entdeckens und lebendig seins. Ich bin auch eine von denen, die viel wollen und viel schaffen.  Und das schaffe ich selbst auch nur weil ich mit Sinn und Vergnügen arbeite – glücklich eben. Zudem bin ich jemand, der in geballten Phasen arbeitet. Daher bringt es bei mir mehr, wenn ich morgens noch in Ruhe frühstücke, auch mal im Bett, wenn meine Frau die Kinder in die Kita bringt. Vielleicht sogar noch ein paar Seiten in meinem Krimi lese.  Dann schaffe ich danach in 4-6 Stunden mehr als wenn ich den Tag mit Hektik beginne und vor lauter Anspannung und Angst nur minderwertige Arbeit produziere.

Ich glaube einfach, dass glückliches Arbeiten kein Luxus ist, sondern die Basis dafür, dass wir irgendetwas von Wert schaffen.

Findest du zwischen Familie und Beruf noch Zeit für dich selbst? Wenn ja, hast du Tipps für uns?

Oh ja!  Mein Geheim-Tipp ist ein monatlicher Wandertag. Seit Januar 2015 laufe ich die 66-Seen Route um Berlin in Etappen. Ich bin ja nicht nur in meiner Arbeit Coach in Boots, sondern auch leidenschaftliche Fernwanderin. Und so nehme ich mir jeweils einen Tag im Monat und fahre raus, um dann 20-30km zu wandern und unterwegs Konzeptionsarbeit zu machen – auch mal auf Hochständen oder in Supermarkt Bäckereien sitzend… Das ist mein Auslauf, mein Freiraum, mein Alleinsein, mein wieder bei mir ganz allein ankommen.  Natürlich macht auch mir manchmal dieser ‚freie‘ Tag große Angst, vor allem wenn ich mir viel vorgenommen habe. Da bin ich schon oft in Versuchung geraten, den Tag einfach ausfallen zu lassen und zu Hause am Schreibtisch ‚mehr zu schaffen‘. Aber ich weiß eben, dass mir genau dieser Tag so viel mehr bringt und ich nur so viel schaffe, weil ich eben auch genau diesen Tag habe.

Aber meistens teile ich das alles gar nicht so sehr. Meine Familie, meine Arbeit sind Teil von mir. Ich habe mir beides ganz bewusst ausgesucht und stecke da auch sehr viel rein, um es gut und glücklich sein zu lassen. Als Introvertierte brauche ich das Alleinsein zwischendurch immer wieder, um aufzutanken. Zum einen klappt das, weil meine Frau und ich uns die Verantwortung teilen, zum anderen weiß ich einfach, dass ich alles tun und leben möchte, was mich ausmacht – nur so kann ich die Person sein, die ihre Familie liebt und ihre Arbeit tut. Das ist gerade jetzt in meinem Leben, wo die Kinder so klein sind und ich mit meiner Selbstständigkeit in Vollzeit am Anfang stehe, alles andere als einfach, aber auf eine bestimmt Art einfach selbstverständlich.

Mein Tipp ist nicht auf große Blöcke von Zeit zu warten, die man dann mal für sich hat. Einfach erschaffen, klauen, freischaufeln, verteidigen… Und dann vor allem wissen, was es braucht, dass ihr zu euch kommt und  mit euren Werten und Visionen kongruent lebt. Arbeit und Familie sind nicht unsere Feinde, die uns etwas wegnehmen möchten…  Es ist schlimm, wenn sich das so anfühlt. Wir haben es uns ausgesucht und es steht uns auch frei, es uns so zu gestalten, dass es uns gut tut. Auch wenn nicht immer alles davon sofort möglich ist, aber meistens ist mehr möglich, als wir glauben… Und es ist vor allem immer gut so zu arbeiten, dass wir keinen Urlaub von der Arbeit brauchen, um uns wieder lebendig zu fühlen.

Liebe, Jesta, ich freue mich riesig, dass du bei meiner Serie dabei bist! Vielen Dank für deine motivierenden Antworten.

Bild: Jesta Phoenix

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